Die TolkienTimes - Fortsetzungsgeschichte

Aus der TolkienTimes Oktober 2009
Sebastian Kraftmeier: Die Karte des Zauberers

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»Was für ein Ork kann es schon sein, an einem Ort wie diesem?«

Freia blickte sich um. Ein Labyrinth aus Schluchten, Steigen und scharfen Kanten breitete sich um sie herum aus, beinahe drei Tagesmärsche weit in jede Richtung. Nur vor ihnen, keine zweihundert Schritt entfernt, ragte inmitten dieser kargen Felsenwüste ein schwarzer Turm in den Himmel. Die Elbin prägte sich den Verlauf der Gänge ein, die sie noch von ihm trennten. Dann wandte sie sich ihren Geschwistern Luan und Mira zu.

Luan deutete gerade schräg am Turm vorbei, in Richtung der untergehenden Sonne. »Wenn er den anderen Weg genommen hat, wird er den Turm vor uns erreichen.«

»Na und?« konterte Mira, ihre ältere Schwester, deren Haar nicht blond, wie das ihre war, sondern einen leichten braunen Schimmer hatte. »Es ist nur ein Ork. Wahrscheinlich ein Ausgestoßener, der umherirrt. Sonst wäre er kaum so nah an diesem verfluchten Ort.«

»Nicht verflucht«, sagte Freia leise. »Flüche gehen mit Orks Hand in Hand. Dieser Ort ist nicht verflucht, er ist – anders.«

»Ihr wisst, was ich meine.«

Luan lachte kurz auf. »Ihr sprecht, als ob Zacharias noch lebte.«

Ihr Bruder strich sich durch die kurzen Stoppeln, eine Geste, die Freia eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Alle Elben waren stolz auf ihre langen, glänzenden Haare, doch Luan hatte sie sich einfach abgeschnitten. Sie waren schon zu lange in der Menschenwelt unterwegs. Ihr Bruder benahm sich ihnen immer ähnlicher.

»Wir werden es herausfinden«, kicherte er. »Wenn wir einen verkohlten Fellball vor dem Eingang sehen, wissen wir, dass der Zauberer lebt.«

 

Luans Hoffnung erfüllte sich nicht. Der Platz vor dem dunklen Eingang des Turms war leer, als sie ihn unter einem roten Himmel erreichten. »Kein Fellball«, sagte er fast bedauernd.

Ihn so zu hören erinnerte Freia – auch wenn dies nichts damit zu tun hatte – immer wieder an den Niedergang ihres Volks, an das Sterben, das alles mit sich reißen würde. Es hatte damit angefangen, dass keine Kinder mehr geboren wurden. Und nach ein paar Jahren hatten die Elben bemerkt, dass sie, die Wesen der ewigen Jugend, alt wurden und starben. Das Volk der ewigen Jugend begann alt zu werden.

»Der Ork ist wohl weitergezogen«, sagte Mira. Es verunsicherte Freia, dass sie Luans Veränderung offenbar nicht auch bemerkte. So tröstete sie sich mit der Hoffnung – und hier vor dem Turm war sie endlich berechtigt - dass sie bald schon zum Hohen Berg, in die Heimat aller Elben, zurückkehren konnten und alles wieder so wurde wie früher.

Sie traten durch den hohen Torbogen, hinter dem die Finsternis von vierhundert Jahren lauerte, und mussten sich im Dämmerlicht an feuchten Mauern entlang bis zur Treppe tasten.

Schleimiger Moder klebte an den Mauern und blieb an ihren Fingern hängen. Freia war alles andere als entspannt. Nur ein Ork? Wieso hatte er dann den direkten Weg durch das Labyrinth gewusst? Wenn er in der Dunkelheit auf sie lauerte ... dann wäre er dumm und unerfahren genug, drei Elben in einem geschlossenen Raum anzugreifen , beruhigte sie sich und folgte dem Lauf der Treppe.

Lagerräume bildeten die ersten Ebenen. Die gesamte Grundfläche des Turms nahmen sie ein und beherbergten doch nicht mehr als Staub und Zerfall. Doch ganz oben im Turm, sich über zwei Ebenen erstreckend und getragen von Balken, die sich unter ihrem Gewicht bogen, fanden die Elben eine Bibliothek. »Die Bibliothek vom schwarzen Zacharias«, flüsterte Freia ehrfürchtig. Sie waren fast am Ziel!

Regal reihte sich an Regal, überall Spinnweben und Zwielicht, auf dem Boden lagen Bücher wie Blätter in einem Wald. Freia sah Runen, uralte Schriften über die Eine Macht, die anderswo als vergessen galten; Wissen, das sie zum Lesen lockte. Sie musste sich beherrschen, sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren.

»Wenigstens ist es hier trocken.« Luan klang genauso ergriffen wie sie. »Die Karte nützt uns nur, wenn sie in gutem Zustand ist.«

Die Bibliothek war riesig, und so teilten sie sich auf, um schneller fertig zu werden. Mira suchte dort weiter, wo sie angefangen hatten, Luan ging auf die nächste Ebene und Freia kletterte weiter hinauf in den Raum, der unter dem Dach lag.

Es war ein großes Schlafgemach, mit breitem völlig eingestaubtem Bett, doch auch hier herrschten Regale und erloschene Öllampen vor aufgeschlagenen Büchern.

Freia hörte nicht ein Geräusch, nur den heiseren Wind, der über die Schindeln kratzte, das Ächzen der Dielen und ihr eigenes Atmen. Sie nahm ein Buch, das auf dem Bett lag, und ließ es beinahe vor Überraschung fallen. Rückholung ins Leben! Dieser Spruch galt als Legende! Mit zitternden Händen ließ sie das Buch in ihren Beutel gleiten.

Dann folgte sie einem verwinkelten Gang durch die Regale, der sie schließlich in die Mitte des Raums führte. Vor ihr stand ein Tisch, bedeckt mit Büchern und Schriftrollen, und, zusammengesunken auf ihnen allen, ein Skelett. Zacharias! Der Zauberer lag mit dem Kopf auf einem Buch, die Knochenhand steif daneben. Staub war das Leichentuch auf seinem Schädel und den verbliebenen Fetzen der Robe.

Sie wollte schon weitergehen, als ihr Blick auf Zacharias Hand fiel. Neben Buch und Kopf lag die Skeletthand auf dem polierten, leicht zerkratzten, und völlig staubfreien Holz des Tisches. Die Karte! Sie musste dort gelegen haben.

»Nicht suchen!«, erklang hinter ihr plötzlich die heisere Stimme eines Tiers. Freia fuhr herum, hob ihren Stab, doch verharrte. Der Ork betrachtete sie mit hängenden Schultern und eingezogenem Kopf, war zwei Schritte entfernt, in Reichweite ihrer Waffe, machte aber keinen Versuch zurück zu gehen. Staubflocken hingen im dünnen, pechschwarzen Fell, seine Lippen mit den herausstehenden Hauern zitterten leicht. »Nicht suchen!« wiederholte er. »Unglück groß.«

In dicken Lederhandschuhen hielt er eine Schriftrolle. Die Hände zitterten.

»Wovon redet ihr?«

»Karte aus Zeit vor der Zeit, sehr alt. Karte böse. Großes Unglück, wenn gelesen.«

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»Welches Unglück? Die Karte führt zur verlorenen Stadt.«

»Aber nicht dürfen gehen da hin. Tod für jeden, der sucht. Totes Volk und Bestien frei werden, wenn Elbenfrau Karte folgt. Ungeheuer werden zurückkehren in Wälder und Berge.« Er malte mit einer Hand einen Kreis in die Luft vor sich. »Stadtgrenzen nicht überschreiten, sonst sie frei.« Er nahm die Karte in beide Hände, als wolle er sie zerfetzen. »Niemand darf suchen ...« Aber plötzlich sackte er zusammen, und aus den Schatten hinter ihm trat Luan mit blutigem Schwert.

»Seit wann verhandelst du mit Orks?«, sagte er düster und nahm dem Ork die Karte aus der Hand. Als er sie entrollte, lachte er heiser. »Ein Schritt näher an der verlorenen Stadt.«

»Du hättest ihn nicht gleich töten müssen!« Freia schaute ärgerlich auf den schwarzen Leichnam. »Er hatte Informationen.«

Luans Augen ließen sie verstummen. Unbändiger Hass stand auf einmal in ihnen. »Wage nicht, mein Handeln in Frage zu stellen, Schwester! Er war ein Ork und sein Tod verdient!«

Erschrocken starrte Freia ihn an. In dem Moment kam Mira. »Gut. Ihr habt sie?« Luan beachtete sie nicht. Sein Blick galt alleine der Karte.

»Der Ork sagte, in der Stadt gäbe es gefährliche Wesen«, sagte Freia. »Geister und Untiere.«

Luan keuchte. »Er hätte vieles gesagt, um zu entkommen.«

»Er schien die Karte eher vernichten zu wollen.«

»Dann war ich ja gerade noch rechtzeitig hier.«

Mira holte eine Hülle aus ihrem Beutel und hielt sie Luan hin. »Da ist sie geschützt drin. Morgen, wenn wir Licht haben, können wir sehen, welchen Weg wir einschlagen müssen.«

Luan bewegte sich nicht. Er starrte Mira nur an und seine Miene veränderte sich, als stünde vor ihm ein Ork. »Nein!«, zischte er. »Ich trage die Karte.« Er presste das Pergament an sich, es knackte leise, Staub rieselte aus der Rolle.

»Sei nicht kindisch, Luan! Die Karte ist über vierhundert Jahre alt. Wenn wir sie nicht sicher aufbewahren, gibt es morgen vielleicht keine Karte mehr.«

Luan wandte sich ab. Tiefe Schatten verschluckten seine Augen, denn die Nacht war nun endgültig gekommen und nur durch ein entferntes Fenster fiel Mondlicht herein.

Mira hielt ihm die Hülle näher hin, doch anstatt sich zu beruhigen, zog Luan plötzlich sein Schwert. »Komm nicht näher! Du willst mir nur die Karte wegnehmen!«

»Du bist verhext!«, stieß Freia aus, doch auch sie wurde mit dem Schwert zurückgehalten.

»Das Gold gehört mir!«

»Welches Gold?«, fragte Mira.

»Das Gold, das in der Stadt versteckt ist. Ingul'mare.« Seine Augen leuchteten in einem Licht, das nicht vom Mond stammen konnte. »Die ganze Stadt gehört mir!«

Er drängte sie mit dem Schwert zurück, versuchte den Weg zur Treppe frei zu bekommen. Freia redete auf ihn ein, beschwor ihn, an ihr Volk zu denken, sich zu erinnern, warum sie hier waren. »Luan! Wir brauchen das Elixier, nur seinetwegen sind wir hier.«

»Nein. Es gehört mir! Alles gehört mir! Ihr werdet mich nicht beklauen.« Er wich zurück, sein Gesicht versank im Schatten, und plötzlich sahen sie, dass auch die Karte in seiner Hand glühte.

Freia erinnerte sich an die Handschuhe, die der Ork getragen hatte und hob ihren Stab. »Geh zur Seite, Mira!«

»Du kannst doch nicht gegen ihn kämpfen! Er ist viel schwächer als du.«

»Er muss die Karte loslassen.« Mit einem Schrei griff sie an und wünschte sich, ihre Waffe wäre nicht magisch und sie bräuchte weniger Rücksicht zu nehmen. Aber zu ihrer Überraschung parierte Luan jeden Hieb, wich ihren Stößen leichtfüßig aus und sprang auf einmal schnell wie ein Blitz auf sie zu und trat ihr gegen die Brust. Wie eine Novizin stürzte Freia zu Boden.

»Mira! Schieß ihm in den Arm!«

»Aber er ist unser Bruder.«

»Du musst. Er entkommt!«

Sie rannten ihm durch den Gang hinterher. Luan hatte es nicht eilig, aber trotzdem beinahe die Treppe erreicht, als sie ihn das nächste Mal sahen. Mira spannte bereits ihren Bogen, als plötzlich die Bücher raschelten. Das Regal neben Luan wackelte, Staubfahnen rieselten wie Dutzende winziger Wasserfälle zu Boden. Ihnen folgte das Skelett und landete direkt vor Luan.

Ihr Bruder schrie auf, der tote Zauberer hatte seine Hand gepackt. Blitze züngelten aus den toten Knochen. »Lass die Karte los!« brüllte Freia. »Er will nur die Karte.«

Luan hieb mit voller Kraft auf das Skelett ein, doch seine Schläge waren wirkungslos, verursachten keinen einzigen Kratzer. Selbst der Schädel wurde nicht einmal zur Seite getrieben.

Stattdessen zischte es schrill, bevor es Luan mit einer scheinbar kraftlosen Bewegung von sich stieß. Der junge Elb krachte gegen die Wand neben dem Bett. Er stöhnte und sank neben seinem Schwert zu Boden. Die Schriftrolle glitt ihm aus der Hand. Benommen wollte er nach ihr greifen, doch da riss ihn Freia schon zurück. »Raus hier!«

Entsetzt sah sie Zacharias auf sie zuwanken, mit langsamen Schritten, die wie Kieselsteine auf den Boden schlugen. Zwei Pfeile steckten in seinem Schädel, doch ebenso wenig wie Luans Schwert schien er Miras Schüsse wahrzunehmen.

Der Zauberer streckte seine Hand aus, wieder sammelten sich blaue Blitze zwischen den Fingerknochen. Verzweifelt und vom Körper ihres Bruders aus dem Gleichgewicht gebracht, riss sie den Stab herum. Zufrieden spürte sie die Erschütterung, als er Zacharias mitten in die Seite traf und seine Magie entlud. Mit einem roten Knall wurde das Skelett in den Gang zurückgeschleudert, doch zu ihrem Entsetzen landete er unbeeindruckt auf den Füßen und wankte sofort wieder auf sie zu.

Mira drängte sie zu den Stufen. » Man kann nicht töten, was schon tot ist!«

So schnell sie konnte, zerrte sie Luan die Treppe hinunter, gefolgt von Mira, die sich immer wieder mit gespanntem Bogen umdrehte.

»Er folgt uns nicht«, sagte Mira, als sie in die Nachtschwärze des untersten Stockwerks eintauchten. Ihr Stolpern hallte von den feuchten Wänden wider. »Ich glaube, er hat nur die Karte aufgehoben.«

»Wo ist der Ausgang?« Luans Stimme war ein einziges Echo.

»Dort hinten. Wir sind gleich da.«

Hastig tastete sich Freia an den Wänden entlang, dorthin, wo sie hergekommen waren. Kalter Moder unter ihren Fingern verwandelte sich zu Schleim, und es roch nach brackigen Mauern. Die Dunkelheit war drängend, dumpf und voller Dämonen. Stetes Wassertropfen füllte den Raum.

Freias Herz pochte. Wieso war es so lichtlos schwarz? Wieso sah sie nicht das Sternenglühen, den Gesang der Ewigkeit? Warum verfing sich kein Wind in ihren Haaren, sondern nur Luans Atem?

Immer schneller tastete sie sich an der Wand entlang, spürte die einzelnen Steine. Nasser, dickflüssiger Dreck rann an ihren Armen herunter. Eisige Striemen auf der Haut. Der Ausgang musste doch hier irgendwo sein! Sie waren nicht in die falsche Richtung gegangen. Ihr Atmen warf ein Echo, ihre Stiefel kratzen über die Bodenplatten.

Plötzlich kicherte Luan und es klang wie das Lachen von hundert Männern. »Ich erinnere mich an den Weg. Ich weiß, wo es zur verschollenen Stadt geht.« Hundert Männer lachten, und zu ihnen gesellte sich das Zischen von hundert Frauen.

Da spürte Freia etwas. Entsetzt zog sie die Hände von der Wand zurück. Die Steine, die sie berührt hatte, waren weder mit Moder, Spinnweben, noch eisigem Wasser bedeckt. Sie waren trocken. Tränen stiegen ihr in die Augen.

Sie und ihre Geschwister standen in einem Turm ohne Tür, hatten kein Licht und hinter ihnen, von der Wendeltreppe her, ertönte ein Klacken, als fielen Kieselsteine auf den Boden. Schritte näherten sich.

© 2009 Klett-Cotta, Sebastian Kraftmeier

[Ende]


Fortsetzungsgeschichte

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