Die TolkienTimes - Fortsetzungsgeschichte
In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil. Die Fortsetzung der Geschichte finden Sie dann immer hier unter der hobbitpresse.de.
Ines Heiser: Nachhall
Er ist ja nun tot, und das ist auch wohl besser so.
Dabei ist er eigentlich immer ein netter Junge gewesen. Ein bißchen sonderbar vielleicht, schon damals, aber das ist bei so einer Familie nun auch kein Wunder. Traurige Geschichte, aber Sie wissen ja, wie sowas ist. Vater Säufer, Alkoholiker sollte ich wohl feiner sagen.
Das hat die Alte nich ausgehalten. Ins Wasser gegangen is die. So richtig dramatisch, wie die im Fernsehen manchmal. Sieben is er damals gewesen. Und weil sich sein Vater kurz danach richtig totgesoffen hat, mußte er denn bei seinem Großvater wohnen.
Der alte Wilhelm war ja im Grunde ganz in Ordnung, aber so'n Hang zur Technik hat der auch gehabt. Hat keiner gewußt, was er in seinem Schuppen so alles zusammengebastelt hat. Da durfte keiner rein, außer dem Kleinen. Aber nett war er. Hat immer angefaßt, wenn's was zu reparieren gab.
Nur gestorben ist er dann auch bald. Der hatte schon immer was an der
Lunge. Wegen dem ganzen Metallstaub und Dämpfe, haben die gesagt.
Traurig fanden wir's ja alle, aber der kleine Benjamin hat geheult wie'n
Schloßhund. Richtig untröstlich is er gewesen. Und wußte
denn ja auch keiner so richtig, wohin nun mit dem Jungen, weil mehr Familie
war ja nich mehr da.
Die vom Jugendamt haben ihn dann später weggeschickt. Auf so ne feine Schule in der Stadt.
Internat hieß die. Da ist er ganz lange geblieben, und keiner hat mehr von ihm gehört, nur daß er dann nachher auf die Universität gegangen ist.
Ich hab schon gedacht, den sehen wir hier nicht wieder. Die anderen sind ja auch alle weg. Die Jugend, meine ich. Wir hätten hier im Dorf nicht genügend Infra-irgendwas, haben sie gesagt. Und daß man hier nicht gut leben könnte. Dabei hab ich mein ganzes Leben hier gewohnt.
Na, jedenfalls, wie die alle weg sind, kommt doch der Benjamin wieder. Mir wollte das erst gar keiner glauben. Weil ihn niemand gesehen hat, nämlich. Immerzu im Haus gehockt hat er.
Hat keinen besucht oder so, na, war ja auch keiner mehr da, von den Jüngeren, meine ich.
Aber zu mir in meine Bäckerei ist er immer gekommen. Pünktlich um halb sieben. Hab mich vielleicht erschreckt, wie der das erste Mal in der Tür stand. So früh, und dann noch jemand, den ich nich kenne. Na, bekannt kam er mir schon vor, aber hat ja nix gesagt, nur daß er fünf Brötchen haben will und ne Tüte Milch. Und ob er bei mir auch ne Zeitung bestellen kann.
Und wie er denn grad gehen will, frag ich: »Tschuldigen Sie«, frag ich, »wir kenn' uns doch irgendwoher, sind Sie hier aus der Gegend?« Und denn hat er damit rausgerückt, daß er der Benjamin is. Hier forschen wollt er. Weil in dem Haus von dem Alten soviel Platz ist.
Und Ruhe und so. Und er arbeitet jetzt für die Universität. Aber gesund hat er schon damals nich ausgesehen. So, als ob er nicht viel schlafen würde. Und dünn wie ne Zaunlatte und immer so weiß im Gesicht.
Na, und so is das dann weitergegangen. Jeden Morgen is er gekommen und hat seine Sachen geholt, aber sonst war er immer eingeschlossen in der Werkstatt vom alten Wilhelm und hat da rumrumort.
Die anderen haben sich alle ganz schön das Maul über ihn zerrissen. War ja auch komisch.
Besuch hat er nie gekriegt. Und seine Möbel hat er sich auch nicht nachschicken lassen. Er wollte nicht mal, daß jemand bei ihm saubermacht, dabei hab ich ihm das extra angeboten. Richtig unfreundlich is er fast geworden, wie ich das zu ihm sag.
Dafür hat er oft ganz große Pakete gekriegt. Der Emil, der von der Post, hat gesagt, die wären alle unheimlich schwer gewesen, und ein paar waren gar nicht aus Deutschland, sondern aus Amerika, und eins sogar aus Japan. Aber reintragen helfen durfte ihm der Emil nie. Benjamin hat ihm nich mal die Tür aufgemacht. Er hat immer bloß gesagt, er soll man alles vor die Tür stellen, er holt's dann schon.
Und weggefahren ist er manchmal. Aber das hat auch keiner gesehen, nur das Auto war dann plötzlich weg, und er ist dann ein paar Tage morgens nicht gekommen. Er wollte mir denn hinterher nichmal erzählen, wo er gewesen war. »Geschäftlich unterwegs, Frau Sauerland«, hat er immer gesagt.
Ja, so war das. Der Emil hat gemeint, daß er bestimmt ein Spion sein muß oder ne Bombe baut. Wegen den Paketen. Und die Mina hat gesagt, sie hätte einen im Fernsehen gesehen, den würden die suchen, weil er seine ganze Familie umgebracht hätte, und der sähe genauso aus. Dabei hat sie den Benjamin gar nicht gesehen gehabt vorher.
Na, ich hab mir jedenfalls Sorgen gemacht. Ein bißchen unheimlich war er mir ja auch, weil er immer so komisch aussah. Richtig krank. Aber ich hab gedacht, das kommt, weil sich keiner um ihn kümmert. Und zum Arzt wollte er ja auch nicht. »Nee, nee, Frau Sauerland«, hat er gesagt, »das wird bestimmt nicht mehr nötig sein«, und hat sogar ein bißchen gelacht dabei, und das hat er sonst nie.
Aber das ist immer nur schlimmer geworden mit ihm. Mit seinen Beinen
war plötzlich was nicht mehr in Ordnung.
Er ist immer so gehumpelt. Und wie ich gefragt hab, was denn passiert
ist, da hat er gesagt, er wäre die Treppe runtergefallen, und es
wär nicht so schlimm. Dabei gibt's in dem Haus gar keine Treppe.
Und das ist auch nicht weggegangen, das Humpeln. Das ist immer schlimmer
geworden. Schließlich konnte er nur noch ganz komisch laufen, so
zackig. »Na, vielleicht isses Rheuma«, hab ich bei mir gedacht,
»und er will's nicht zugeben, weil er noch so jung is.«
Aber er hat auch nix mehr gegessen. Jedenfalls hat er bloß noch
seine Zeitung und die Milch gekauft, und keine Brötchen mehr. Und
er hat sich auch ganz seltsam angezogen. Immer Mantel und Schal und Handschuhe
und was weiß ich, dabei war's doch schon Sommer.
Ich hab ja versucht, ihm gut zuzureden, aber, ganz ehrlich, ich hab gedacht:
der wird verrückt. Vielleicht isser das sogar schon. Wie bei seiner
Mutter damals, da hat man's ja auch nicht gleich gemerkt. Ich hab richtig
'n bißchen Angst vor ihm gekriegt. Auch weil, am Anfang, da hat
er nie viel geredet, aber dann fing er plötzlich an, ganz lange solche
Sachen zu erzählen. So Gebildetes. Daß man die Welt verändern
muß und so, und daß die Menschen nicht perfekt sind, aber,
wenn sie das wären, die Menschen ... Und vielleicht könnten
sie's ja werden.
So ähnlich wie der Pfarrer immer, wenn er von sündigen Menschen redet und von der neuen Welt und vom ewigen Leben. Aber doch wieder ganz anders, weil beim Pfarrer da kriegt man nicht Angst, daß er verrückt wird, wenn er sowas erzählt, und das ist sein Beruf. Und Benjamin war ja auch kein Pfarrer, sondern Maschinenbauingenieur.
Und dann is es passiert. Das heißt, keiner weiß, wie's genau passiert ist. Weil es war ja niemand dabei. Und eigentlich war's ja schon die ganze Zeit passiert, nur, das wußten wir halt nicht.
Jedenfalls, einen Morgen kommt der Benjamin nicht. Ich hab gewartet und gewartet, bis halb acht. Hab gedacht: »Na«, hab ich gedacht, »vielleicht schläft er endlich mal aus, schlecht genug hat er ausgesehen die letzten Tage.« Aber denn is mir eingefallen, daß ihm ja auch was passiert sein könnte. Kreislaufkollaps oder sowas. Wo er doch soviel gearbeitet hatte. Weggefahren war er jedenfalls nicht, das Auto war nämlich noch da.
Um halb zehn hab ich den Emil gefragt, was wir machen sollen. War schließlich das erste Mal, daß sowas passiert ist. Der Emil hat gesagt, wir sollen erstmal abwarten, und überhaupt geht uns das gar nix an, und wahrscheinlich schläft er man bloß und will einfach seine Ruhe haben. Gut, ich hab also gewartet. Bis abends. Das heißt, einmal bin ich kurz zum Haus von dem Alten rüber, aber auch nur, weil der Laden über Mittag manchmal sowieso zu is und weil ich sowieso in die Richtung wollte. War aber nix zu sehen, alles ganz wie normal.
Ich mußte aber die ganze Zeit drüber nachdenken, was nun mit
ihm los is. Die Mina hat gemeint, sie will sich da lieber nicht einmischen,
da hat man nur Ärger von, und neulich hat sie im Fernsehen gesehen,
wie einer die Leute mit sowas erst neugierig gemacht hat, und wie sie
denn gekommen sind, um rauszufinden, was los is, hat er sie umgebracht
und aufgefressen.
Dabei ist das völliger Quatsch, weil der Benjamin hat sowieso nix
gegessen, nich mal mehr Brötchen, und das hab ich der Mina auch gesagt.
Sie haben ihn nicht gefunden. Ich war dabei, wie sie die Haustür aufgebrochen und das Haus nach ihm untersucht haben. Alles sah ganz unbewohnt aus, und nirgendwo irgendwelche persönlichen Sachen oder sowas. Nur das ganze Gerümpel von dem Alten und Staub und Spinnweben und so.
Und denn sind wir in die Werkstatt gegangen. Da war Benjamin auch nich.
Da war nur ... ein Ding. Ganz aus Metall. Wie ein Roboter oder sowas,
richtig mit Armen und Beinen und so. Und es hatte Benjamins Mantel an,
der war ganz voll mit roter Farbe. Vielleicht war's auch Blut. Jedenfalls,
in der einen komischen Greiferklauenhand hatte es so ein Ärztemesser.
Skalpell nennt man das, haben die mir später erklärt. Vor dem
Ding auf dem Tisch stand sowas wie ein Kopf, auch aus Metall, mit ganz
vielen kleinen Drähten dran. Ja. Und da, wo dieser Metallkopf eigentlich
hingehört hätte, auf den Schultern von dieser komischen Maschine,
da war Benjamins Kopf.
Er sah erstaunt aus und ein bißchen traurig, und das Blut, das neben am Hals runtergelaufen war, war schon eingetrocknet.
Sie haben ihn nicht beerdigt. Das Haus ist versiegelt worden, und das
Ding haben sie mitgenommen, irgendwohin in die Hauptstadt. Um's genauer
zu untersuchen. Die Mina hat sich von einem Fernsehteam interviewen lassen
und hat erzählt, wie wir alle fast umgebracht worden sind. Weil der
Benjamin 'n gefährlicher Verrückter gewesen is und mit seinen
Maschinenmenschen die Welt erobern wollte. Ich hab gesagt, daß das
nicht stimmt und daß ich ihn gekannt hab und daß er ganz nett
war und ich ihn gern mochte. Aber das wollten die gar nicht hören.
Ende
Fortsetzungsgeschichte
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Die aktuelle Fortsetzungsgeschichte Oktober 2009:
1. Teil aus der TolkienTimes - Fortsetzung
Die früher veröffentlichten Geschichten:

