Die TolkienTimes - Fortsetzungsgeschichte
In der TolkienTimes werden auch Fantasy-Geschichten von Nachwuchsautorinnen und -autoren veröffentlicht - aber nur der erste Teil. Die Fortsetzung der Geschichte finden Sie dann immer hier unter der hobbitpresse.de.
Alexander Röder: Nachhall
In der obersten Kammer seines zerfallenen Turmes saß, auf seinem hölzernen Sessel in sich zusammengesunken, der Magier.
Er zitterte ein wenig in der Kälte, die sich langsam durch die Fugen der morschen Westmauer wand. Der Winter war noch früher als im vergangenen Jahr hereingebrochenen. Mit jedem Jahreswechsel schien er zeitiger zu kommen, um dem alten Kastell und seinem ebenso alten Bewohner seinen kalten Besuch abzustatten. Und in jedem Jahr blieb er länger zu Gast als in dem vorangegangenen.
Der weite, verblaßte Mantel, den der Magier jetzt enger um seinen dürren Körper zog, konnte ihn nicht vor dem Beben bewahren, das das Alter durch seine Glieder schickte. Früher hätte er mit einem Wink das Feuer im Kamin auflodern lassen oder sich selbst von innen mit Wärme erfüllen können. Jetzt schwand mit seiner Lebenskraft auch die Gabe der Magie.
Wie überall in der Welt. Das magische Zeitalter schien vorüber, obwohl es doch niemals hätte enden sollen.
Zusammen mit der Gabe in den Herzen der Sterblichen verflüchtigte sich auch die Kraft in den Körpern jener Wesen, denen der Zauber erst das Leben ermöglicht hatte.
Seit Jahren schon konnte der Magier keine Elementargeister mehr beschwören. Die Gnome, Sylphen und Dryaden hatten sich für immer in ihre Lebensräume zurückgezogen oder waren vergangen, zerfasert, zerfallen zu Erde, Staub und Asche.
Das Zwischenvolk, die Wesen, die nicht Mensch noch Tier, nicht Mensch noch Gott waren, zeigte sich niemandem mehr.
Wie weit das Schwinden der Magie sich auf die größeren Geschöpfe auswirkte, wußte er nicht. Er hatte sich in seinem Leben mit der Zauberei der kleinen und mittleren Grade befaßt, den Umgang mit den mächtigen und übermächtigen Wesenheiten hatte er zunächst den Älteren und Weiseren überlassen. Als er sich genug Wissen und Erfahrung angeeignet hatte, um auf die höhere Stufe aufzusteigen, begann das Schwinden. Seine Kräfte ließen sich nicht mehr steigern, seine Fähigkeiten erstarrten und begannen dann, langsam, aber unaufhaltsam, abzunehmen. So erging es allen. Den Magiern und Zauberern, den Heilerinnen und weisen Frauen, selbst den Hexen und Nigromanten. Die anfängliche Verwunderung wurde schon bald zur Verzweiflung, dann zu Panik und schließlich Lethargie.
Schon seit langem war sein Kontakt zu den anderen seines Standes abgebrochen. Einige waren am Alter gestorben, manche hatten sich das Leben genommen, einige sich mit ihren letzten Kräften auf eine andere Ebene gehoben, und andere waren einfach fortgezogen. Das Alter traf auch ihn wie eine Krankheit, vor der er bislang gefeit gewesen war und die ihn nun mit nie gekannter Schwäche erfüllte.
Seine Adepten hatten ihn verlassen, als ihm keine Beschwörungen mehr glückten und er sie nichts mehr lehren konnte. Sie machten sich auf, um anderen Dingen nachzugehen. Dies mochte ihnen auch gelingen, da sie sich noch nicht zur Gänze der Zauberei verschrieben hatten. Doch für ihn, der sich schon vor so langer Zeit auf jenen Weg begeben hatte, gab es keine Möglichkeit mehr, umzukehren oder einen Seitenpfad einzuschlagen, der ihn vor dem Schicksal des inneren Erlöschens würde bewahren können ...
Der Magier schreckte aus seinem dumpfen Brüten über den ewigen Gedanken des Vergehens auf. Draußen vor dem Turm, vor den Toren des Kastells, hatte er einen Ton vernommen, schwach nur, aber doch vertraut.
Da war es wieder. Ein tiefer, durchdringender Laut, ein wenig klagend, aber kraftvoll und auf eine Art harmonisch, die sich einem Menschen nicht ganz erschließen konnte.
Ein Drachenruf.
Er stemmte seinen Körper mit schwachen Armen aus dem Sessel und schleppte sich mit gebeugten Schultern zur Höhlung des schmalen Fensters. Seine von der Gicht gekrümmten Finger nestelten an den Schnüren, mit denen der lederne Windschutz an den Mauerösen befestigt war. Das Lösen der Knoten dauerte lang, und seine Erregung beschleunigte den Vorgang nicht.
Und stetig erscholl der Drachenruf.
Dann war die Sicht nach draußen endlich frei. Ohne das dämpfende Leder klang der Ruf klarer und reiner.
Zu rein, wie sich der Magier entsinnen konnte.
Unten vor dem Tor, im kalten Licht, saß ein in Pelze gehüllter Mann auf seinem Roß. Eben hob er ein mächtiges Horn an die Lippen, und aus dem Metall klang die Stimme eines Drachen.
Der Mann senkte das Horn und blickte wieder am Turm hinauf. Er sah den Magier
und winkte. Der erkannte den alten Freund und hieß ihn willkommen.
Im zugigen Saal des Kastells empfing der Magier den altgewordenen Krieger, den er seit der lang verflossenen Jugend kannte. Sie saßen nahe bei dem kleinen Feuer, das verloren im Schlund des bröckelnden Kamins brannte. Der Krieger hatte einen Teil seines Feuerholzes vom Rücken des Packpferdes verwendet, um ihnen ein wenig Wärme zu spenden. Sie aßen hartes Brot, tranken den schon sauer werdenden Wein aus den Kellern des Kastells und hingen im Gespräch ihrer beider Vergangenheit nach. Manchmal deutete der Krieger zur Unterstreichung des Erzählten mit seiner schwieligen Hand auf das eine oder andere Stück seiner Habe, die neben dem Por-tal auf einem Tisch lag: Das schartige Schwert, den narbigen Schild, den verbeulten Helm, die Lanze, deren metallene Spitze schon viele Schäfte gekrönt hatte, und die Streitaxt, deren hölzerner Stiel vom Gebrauch glatt und glänzend poliert war.
Der Magier indes vergaß allen Schmerz in den Gliedern und voll-führte wilde Gesten, schnitt Grimassen und Gesichter, um das Erlebte farbig wiederzugeben. Ihrer beider heiseres Lachen stieg auf zu den zerfetzten Bannern, die die morschen Balken der Saal-decke nur dürftig verbargen, und es schien, als könnte es gar das alte Mauerwerk aus seinem Jahre währenden, tauben Schlaf erwecken und mit Leben füllen.
Nach all der Freude an Wiedersehen und Erinnerungen fragte der Magier nun endlich, was den Krieger hierher geführt habe.
Dieser richtete sich ein wenig in seinem Sessel auf.
Er sei nicht mehr in den Diensten des Königs, begann er. Für zu alt habe man ihn gehalten, für zu störrisch und zu sehr alten Werten verhaftet. Seine Erfahrung wiege diese Mängel nicht mehr auf. Und nach einiger Zeit habe er diese Vorwürfe selbst geglaubt. Daraufhin habe er sein Bündel gepackt und sei losgezogen, um sich ein letztes Mal zu behaupten. Um sich selbst und anderen zu beweisen, daß er noch zu großen Taten fähig sei, ja, zur größten Tat von allen.
Einen Drachen zu töten.
Und er, der Magier, müsse ihm dabei helfen. Denn der Krieger hatte bislang vergeblich versucht, einen Drachen zu finden.
Nun, sagte der Magier, nachdem er tief und rasselnd eingeatmet hatte, er sei doch nicht ganz der rechte für diese Unternehmung, da er mit Drachen niemals in Berührung getreten sei.
Dann sei es an der Zeit, entgegnete der Krieger.
Und er sei zu alt, sagte der Magier.
Das sei er ebenso, entgegnete der Krieger. Und dies halte ihn nicht davon ab.
Es werde ein wenig dauern, bis er sich zur Reise eingerichtet habe, sagte der Magier.
Er wolle ihm beistehen, entgegnete der Krieger und streckte seine Hand aus.
Seit Tagen zogen sie schon in Richtung des Sonnenunterganges. Bald lichteten sich die kahlen Wälder zu farblosen Ebenen, auf denen verwitterte Findlinge die entfernten Berge anzukündigen schienen.
Der Krieger und der Magier trotteten dahin, die Köpfe gesenkt wie die der beiden Pferde, welche die Lasten der Menschen trugen. Sie sprachen wenig, um Atem zu sparen, und dachten um so mehr über ihren Weg nach.
In den Bergen hatten die Drachen vor Jahrtausenden ihr Reich errichtet und sich von dort über die ganze Welt ausgebreitet. Da sie nun aus der Welt verschwunden waren, gab es Hoffnung, daß eben dort in den Bergen die letzten der großen Würmer zu finden seien.
Was es dann zu tun gäbe, stand dem Krieger und auch dem Magier deutlich vor Augen. Wie all dies enden würde, das jedoch konnte sich der Magier und auch der Krieger nicht ausmalen.
Am Abend rasteten sie, und es gelang dem Krieger, ein kleines, mageres Tier zu erlegen, das ihnen beiden die karge Nahrung ergänzen konnte. Das Feuer, um das sie sich drängten, war ein winziger heller Punkt in der Ödnis der bewölkten Nacht.
Als sich der Erdboden allmählich zu Hügeln wölbte und die Berge in der dunstigen Ferne zu erkennen waren, begann ein feiner, kühler Regen zu fallen, der sie wie ein klammes Tuch umhüllte. Bald umschlossen sie auch die immer höher wachsenden Felsgebilde, und der Regen wurde stärker. Die Erde wurde weicher und wandelte sich schließlich zum Morast. Immer breitere Rinnsale liefen am Gestein herab und flossen um die durchnäßten Stiefel und schlammbedeckten Hufe der Reisenden.
Unter einem vorspringenden Felsdach fanden sie Unterschlupf, als der erste Donner durch die Schluchten rollte. Zitternd standen sie beisammen und lauschten dem Strömen des Wassers und den schweren Schlägen des Gewitters, die auf das Gebirgsmassiv niedergingen. Plötzlich horchte der Krieger auf. Er griff nach dem Ärmel des Magiers und forderte ihn zur Aufmerksamkeit.
Ein Klang schien sich von dem Tosen des Unwetters zu scheiden.
*
Ein Dröhnen.
Ein Brüllen.
Der Krieger griff hastig nach seinem Sattel und zog etwas aus einer ledernen Hülle, das mattgolden im Zwielicht zwischen dem Leuchten der Blitze schimmerte. Der Magier erkannte das Horn, welches ihn vor Tagen aus seinem Turm gerufen hatte. Schwer schien es, und auf seiner geschwungenen Hülle konnte man vielerlei Schmuck erkennen: Tiere, Menschen und auch Drachen.
Der Krieger lauschte erneut, setzte dann das Horn an die Lippen und füllte mit aller Kraft die Lungen.
Aus dem Metall brach ein Ton, der den Donner übertönte und sich vielfach an den Felswänden brach. Der Krieger setzte das Horn ab und begann zu husten, rang nach Atem. Wieder klammerte er die sehnigen Finger in den dünnen Arm des Magiers, und beide warteten.
Antwort gab ihnen der Donner und der Regen.
Am Morgen ließ der Regen endlich nach, und die Suchenden nahmen ihren Weg wieder auf. Ströme zähen Schlamms schoben sich durch Ritzen und Spalten im Fels und verwandelten das Gebirge in einen Sumpf, der sich nicht nur in der Fläche, sondern auch in die Höhe dehnte.
Der Boden sog an ihren Füßen, ließ sie nur schwer vorankommen. Immer häufiger mußten sie stehenbleiben und sich von den Anstrengungen erholen.
Der Krieger blies das Horn. Wieder und wieder, doch nur das Echo kam zurück.
Das bleifarbene Licht, das durch die tiefhängenden Wolken kroch, tauchte die Welt in Grau und ließ Boden, Fels und Himmel verschmelzen. Bald versickerten die letzten Wasser des Unwetters, und Stille legte sich über alles. Die Schritte klangen dumpfer, das stolze Horn tönte schwächer und schwächer, und mit einemmal, nach einer Biegung der schmalen Schlucht, der die alten Männer folgten, endete auch der Weg.
Magier und Krieger blieben stehen, sahen sich in die grauen Gesichter und senkten die Köpfe.
Vor ihnen ragte die Felswand auf, die den Fuß des Bergmassivs bildete. Hier endete die Karte, die sie bislang geführt hatte. Hier konnte der Mensch nicht weiterziehen, hier begann das Drachenreich, das nur mit Schwingen erreichbar war.
Der Krieger hob noch einmal das Drachenhorn, und der Ton kroch die Felsen hinauf, langsam, und zerfaserte dann irgendwo im Dunst über ihnen.
Ein Stein rieselte herab. Die beiden sahen in die Richtung des Geräusches.
In einer dunklen Nische zur Rechten staken Felstrümmer und Bruchsteine, als verschlössen sie einen Zugang.
Mit den Waffen des Kriegers schoben und hebelten sie die Steine fort. Die Anstrengung war groß, und der Tag verging über ihnen.
Die Alten krochen in die Höhle, die sich hinter der dünnen Wand verborgen hatte, und fielen in erschöpften Schlaf.
Ein schwacher und zögerlicher Sonnenstrahl kämpfte sich durch die Felsschluchten und malte einen blassen Lichtfleck auf den Boden des Höhleneingangs. Der Magier erwachte langsam und blickte sich um. Jede Bewegung schmerzte wie nie zuvor, und doch erfüllte ihn ein Hauch von Zuversicht, weil sie ihrem Ziel ein wenig näher gekommen zu sein schienen. Der Krieger streckte sich ebenfalls und kroch zum Eingang der Höhle. Draußen war es hell und trocken.
Der Krieger atmete tief und vernahm einen warmen Geruch, der aus dem Inneren der Höhle zu strömen schien. Er stemmte sich auf die Beine, belud sich mit seinen Waffen und half auch dem Magier aufzustehen. Neue Kraft durchströmte sie beide.
Langsam tasteten sie sich vor, bis sie stehenbleiben mußten, um zwei der Fackeln zu entzünden. Diese blakten und rauchten, doch sie gaben genug Licht, um den weiteren Weg zu erkennen.
Es wurde wärmer. Moose und Flechten begannen die Wände der immer noch niederen und schmalen Höhle zu bedecken. Bald weitete sie sich zu einem Gewölbe, in dem der Bewuchs üppiger und farbiger, die Luft feuchter und wärmer war. Tropfsteine wanden sich aus dem Fels und wuchsen zu mächtigen Säulen zusammen. Der eigentümliche Geruch verstärkte sich mit jedem Meter.
Drachengeruch, flüsterte der Krieger.
Und beiden fuhr ein Glühen durch die Körper.
Sie standen unter dem Scheitelpunkt einer gewaltigen Halle, um deren Wände sich große, natürliche Galerien zogen. Das Gewölbe war von mächtigen Höhlungen durchstoßen, die ins Innere des Berges zu führen schienen.
Der Krieger hob das Horn und holte Atem, als der Magier ihm die Hand auf die Schulter legte.
Der Krieger blickte ihn an und sah, wie der Magier auf eine runde Öffnung in der entfernten Hallenwand wies.
Was dort sei, fragte der Krieger.
Eine Möglichkeit, antwortete der Magier.
Langsam, bedächtig, näherten sie sich der Höhlung. Der Dunst stieg in leisen Schwaden aus der Tiefe.
Eine Bruthöhle, glaubte der Magier.
Sie schritten hinein. Der Boden war abschüssig, glitschig. Vorsichtig tasteten sie sich tiefer und tiefer in den Berg. Von der Decke troffen Fäden zäher Flüssigkeit herab und fielen zischend auf die Fackeln.
So erreichten sie eine unregelmäßig geformte Kammer. Im zitternden Licht sahen sie eine gekrümmte Form auf dem Boden.
In einer Lache aus Schleim lag dort ein Drache.
Doch es war kein Neugeborenes. Dieser Drache war so alt wie das Drachengeschlecht selbst. Dennoch war nichts Stolzes mehr an ihm. Seine Schwingen waren verkümmert, die Läufe nur noch in sich gekrümmte, dürre Äste.
Der Magier blickte auf seine eigenen gichtverknoteten Finger.
Der Kopf des Drachen lag auf der Seite, die Schnauze geöffnet. Zwischen den letzten schwarzen Zahnstümpfen lag die geschrumpfte Zunge, an der dünner Geifer zu Boden floß.
Der Krieger ließ sein Schwert fallen. Die Klinge zerbrach.
Schwach hob der Drache den Kopf, die blinden weißen Augen rollten ziellos umher, bevor der Schädel wieder nach unten sank.
Dem Magier lief eine Träne durch das faltenzerfurchte Gesicht.
Dann erlosch die letzte Fackel.
Ende
Fortsetzungsgeschichte
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Die aktuelle Fortsetzungsgeschichte Oktober 2009:
1. Teil aus der TolkienTimes - Fortsetzung
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