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Sean McMullen

Sean McMullen

Seelen in der großen Maschine. Greatwinter 1

Leseprobe

LESEPROBE

[...] Der Ruf zog im Schrittempo übers Land, sichtbar nur anhand der Lebewesen, die er mit sich fortriß. Er zog nach Südosten, und in seinem Einflußbereich von zehn Kilometern folgten ihm Hunde, Schafe, hin und wieder Pferde und ab und zu auch ein Mensch. Obwohl er in weiter Ferne, in den Trockengebieten von Willandra, seinen Ausgang genommen hatte, wanderte keins der Tiere, die ihm zunächst gefolgt waren, nun immer noch unter seinem Bann, und es war auch keines von ihnen mehr am Leben. Nur wenige Wesen, die der Ruf mit sich fortzog, trafen je an seinem Ursprung ein.

Ettenbar war ein Hirte aus dem Südmaurenreich und führte nahe des Grenzflusses zwischen den Ländereien des Emirs und dem Stadtstaat Rutherglen ein riskantes Leben. Seine Schafe weideten friedlich in einem Rund, an den Pflock geleint, den er an diesem Morgen eingeschlagen hatte. Seine Emus aber gingen mit weitausgreifenden, tänzelnden Schritten ungehindert zwischen den Schafen einher, ganz Hals, Beine und zottiges Federkleid. Zu ihren Füßen trippelten Hühner.

Eine Regung in der Ferne ließ Ettenbar aufmerken: ein streunender Schafbock ohne Haltestrick. Auf Schafe ohne Haltestrick war eine Belohnung ausgesetzt, und streunende Schafe, die kein Brandzeichen trugen, durfte behalten, wer sie einfing. Ettenbar machte sich von dem Pflock los und begann sich an den Merinobock mit dem gewundenen Gehörn heranzupirschen.

Der Schafbock war wachsam. Als Ettenbar näherkam, trabte er in sichere Entfernung davon. Nun näherte sich Ettenbar über die Flanke und löste dabei seine Bolas. Das streunende Schaf hielt weiterhin Abstand. Ettenbar schlich näher, trieb es zu einer Stelle, an der ein paar Sträucher ihm Deckung boten. Der Trick funktionierte. Als er noch fünfzig Meter entfernt war, wirbelte er seine Bolas, warf – und fing den streunenden Schafbock an den Hinterläufen. Als er hinging, um seine strampelnde und blökende Beute einzusammeln, brandete der Ruf über ihn hinweg.

Einen flüchtigen Moment lang blieb Ettenbar noch eine Wahl, wenn auch eine Wahl mit nur einem möglichen Ergebnis. Doch er verriet sich selbst, nahm seine Schwäche hin und schwelgte darin – und das alles in Gedankenschnelle. Seine Disziplin und Selbstbeherrschung waren wie weggefegt, seine Schritte verlangsamten sich, und er wandte sich um und ging gen Südosten davon. Der Schafbock beeilte sich ebenfalls zu folgen, kam aber mit den um seine Hinterläufe geschlungenen Bolas dem Ruf nicht so schnell hinterher. Ettenbars Schafe lockte der Ruf ebenfalls fort, aber sie kamen nur so weit, wie ihre Haltestricke reichten. Seine Emus sahen ihnen dabei fragend zu, die Köpfe mit vogelhafter Neugier zur Seite geneigt. Sie waren zwar viel größer als die Schafe, als Vögel aber immun gegen den Ruf. Sämtliche Säugetiere, die größer waren als eine große Katze, wurden fortgezogen, nie aber Vögel oder Reptilien.

Hindernisse nur schemenhaft wahrnehmend, ging Ettenbar weiter. Er durchwatete Wasserläufe, purzelte Abhänge hinab, erklomm Felswände und stolperte über gepflügte Äcker. Er kam an einem Bauern vorbei, der sich dagegen sträubte, vom Ruf nach Südosten fortgezogen zu werden. Den Mann hielt ein Leibanker, der von einem Zeitschalter aus Rohleder zehn Minuten nachdem ihn der Ruf erfaßt hatte, ausgeworfen worden war. Der Bauer würde überleben, Ettenbar dagegen war der Welt bereits verloren gegangen, war, weil er sich frei bewegen konnte, praktisch schon ein toter Mann. Vor ihm lag der breite, braune Fluß, der die Grenze markierte. Ettenbar watete hinein und schwamm dann los. Nicht einmal ein Viertel der Lebewesen, die der Ruf mit sich gezogen hatte, überlebte die Durchquerung dieses Stroms, Ettenbar aber ging am Südufer wieder an Land und wankte weiter.

Als er fünf Kilometer auf das Gebiet des christlichen Stadtstaats Rutherglen vorgedrungen war, lief er blindlings in ein dichtes Brombeergestrüpp. Die dicke Lederkleidung und die Hirtenstiefel, derentwegen er im Fluß fast ertrunken war, schützten ihn nun vor dem Schlimmsten, das ihm die Dornen antun konnten, aber jetzt konnte er nicht einmal mehr mit dem langsamen Schrittempo des Rufs mithalten. Der Ruf lockte ihn weiterhin, und der Hirte mühte sich zu folgen, und die Dornen rissen ihm derweil Gesicht und Hände auf. Schließlich hatte er sich mit den Beinen so im Gestrüpp verheddert, daß er nicht mehr weiterkam. Drei Stunden später zog der Ruf schließlich vorüber und gab ihn frei.

Ettenbar kam zu sich. Er war durchnäßt, er fror, er blutete und war vollkommen erschöpft. Die Sonne stand tief, fast von aufziehenden Wolken verborgen. In dem einen Moment war er noch auf den Schafbock zugegangen, den er gefangen hatte, und dann ... der Ruf hatte ihn verschont! Mit blutenden Fingern zog er sein Messer und schnitt seine Beine aus den Dornenranken frei. Er strauchelte aus dem Gestrüpp, warf sich zu Boden und dankte Allah, daß er ihm das Leben wiedergegeben hatte.

An der untergehenden Sonne orientierte er sich, wo Nordosten war, und machte sich dann auf den Heimweg. Er schämte sich zwar, daß der Ruf ihn ohne sein Halteseil erwischt hatte, schritt ansonsten aber stolz einher. Der Ruf hatte ihn freigegeben, in den Augen Allahs war er gesegnet. Erst als er am Fluß ankam, wurde ihm klar, wo er war.

»Hey, Rufdreck!« schrie jemand hinter ihm. Er zögerte kurz und lief dann in Richtung Flußufer los. Ein Schuß knallte, und vor ihm stob Erdreich auf. Ettenbar blieb stehen und drehte sich mit erhobenen Händen um.

Drei bärtige, blutverkrustete Schreckgespenster kamen auf ihn zu. Es waren keine Grenzsoldaten, sondern menschliche Aasgeier, die nach Vieh suchten, das bei dem Versuch, dem Ruf zu folgen, im Fluß ersoffen war. Ettenbar sah, daß nur einer von ihnen eine Schußwaffe bei sich trug, und zu spät wurde ihm klar, daß er hätte fliehen können, während die Muskete nachgeladen wurde. Die Männer trugen fleckiges Ölzeug und Kniebundhosen aus dickem Wollflanell und stanken nach Hammelfett und Blut. Durch ausgefranste Löcher zeigten sich drei grindige Kniepaare. Sie waren gerade dabei gewesen, ersoffene Schafe an Land zu ziehen und für die Märkte von Rutherglen zu schlachten, als Ettenbar in Sicht gekommen war.

Prakdor lud seine Waffe nach, und Mikmis und Allendean beäugten derweil ihre Beute. Prakdor war zwar ihr Anführer, überließ das Reden aber meistens Mikmis. Er hatte früher einmal in der Armee seines Bürgermeisters gedient und wußte daher, was denen blühte, die sich allzu lautstark zu Wort meldeten.

»Ein Schafficker aus dem Südmaurenreich«, bemerkte Mikmis, als sie Ettenbar an Händen und Füßen fesselten.

»Gefangenhalten? Lösegeld?« fragte Allendean.

»Lösegeld? Für einen Schafficker? Da würden wir ja nicht mal die Kosten für die Fesseln reinkriegen. Nein, laßt ihn uns lieber nach Wahgunyah bringen und als Ruderer an einen Kahnbesitzer verticken.«

»Wahgunyah. Das ist weit«, murrte Allendean.

»Er ist kräftig. Für den kriegen wir fünfundzwanzig Silbernobel.«

Ettenbar sah währenddessen über den Fluß zu den Feldern und Weiden seiner Heimat hinüber. Bis zu diesem Tag hatte er sich nie weiter als dreißig Kilometer von seinem Geburtsort entfernt, und jetzt erschien es eher unwahrscheinlich, daß er dieses Land je wiedersehen würde.

»Jorah«, murmelte er.

»Was sagt er?« fragte Allendean.

»Jorah – so nennen die Südmauren den Ruf«, sagte Prakdor. »Das bedeutet ›Veränderer des Lebens.‹«

»Scheiße, da hat er wohl recht«, gluckste Mikmis. »Gib deinen Lämmern einen Abschiedskuß, du Schafficker.« Die drei Männer brachen in rauhes Gelächter aus.

»Hey, ob der wohl zählen kann?« rief Mikmis plötzlich.

»Kannst du zählen? Äh ... Prakdor, weißt du, wie man das sagt?« »Vu numerak, isk vu mathemator?« fragte Prakdor im Dialekt des benachbarten Südmaurenreichs.

Ettenbar nickte stolz. Die örtliche Moschee unterhielt eine gute Schule.

»Dann kann er also zählen! Ich habe gehört, der Hegemeister zahlt einen Goldroyal für jeden Südmauren, der zählen kann – und zwei, wenn er auch noch Austarisch spricht.«

»Das können Schafficker nicht«, murrte Allendean.

»Mann, du Schwachkopf, das ist immer noch viermal so viel, wie er als Ruderer bringen würde.«

Sie wandten sich an Prakdor, der es sich durch den Kopf gehen ließ und dann nickte. »Wir nehmen ihn mit ins Lager und machen ihn sauber. Mikmis, du gehst nach Wahgunyah und sprichst beim Hegemeister vor.«

Nichts symbolisierte die Macht und Autorität von Libris besser als die großen Signalfeuer-Leuchttürme in jeder Stadt. In Rutherglen stand der Turm auf dem Gelände der Technischen Hochschule, der Unitech, allerdings ein gutes Stück abseits der dortigen Bibliothek. Lemorel war zielstrebig die mit Kopfstein gepflasterten Campusstraßen hinabgegangen, doch aus irgendeinem Grund blieb sie nun stehen und sah zu dem Turm hinauf.

Seine Verkleidung aus getünchtem Holz zeichnete sich leuchtend weiß vor dem Wolkenhimmel dieses Spätwinternachmittags ab. Weiße Rauchfahnen stiegen aus den Abzügen an seinem First. Sie stammten von den Magnesiumfackeln, die der Leuchtfeuer-Maschinerie bei fehlendem direktem Sonnenschein Licht lieferten. Ein Signal war nach Westen, nach Numurkah, ausgerichtet und wurde von dort aus weiter südwestlich nach Rochester übertragen. Für die Entfernung, die so eine Nachricht im Nu zurücklegte, hätte Lemorel Monate oder gar Jahre gebraucht ... aber egal. Heute würde sie einen weiteren Schritt auf ihrer Reise in die Hauptstadt unternehmen.

Daß Lemorel an diesem Tag nicht verschleppt wurde, verdankte sie ihrem Status als Bibliothekarin. Fünf Männer in abgetragenem Ölzeug lungerten am Eingang der Unitech herum und starrten auf ein Blatt Mangelpapier, bei dem es sich um einen Stadtplan handeln mochte. Sie sahen aus wie Landarbeiter auf Wanderschaft, die versuchten, sich in einer fremden Stadt zurechtzufinden.

»Lemorel Milderellen, Gelbdrachen-Bibliothekarin«, flüsterte einer von ihnen, als Lemorel durchs Tor schritt.

Ein anderer schüttelte den Kopf. »Laßt sie gehen.«

»Sie hat an der Unitech den Mathematik-Preis gewonnen«, beharrte der erste.

»Wenn wir auch nur eine Weißdrachen-Bibliothekarin entführen, werden wir garantiert hingerichtet. Wer ist der nächste?«

»Joakim Skinner. Hilfsedutor für Rechnungswesen.«

»Der schon eher. Den mal vormerken.«

»Fünf. Der bringt fünf.«

»Fünf reicht doch. Das macht für jeden von uns zwei Goldroyal.«

»Der Schutzmann da glotzt uns schon wieder an«, meldete der hagere, großgewachsene Kerl, der für sie Schmiere stand.

»Dann sollten wir uns ein Kaffeehaus suchen und mal ein Weilchen abwarten.«

Sie hatten die Farbe des Armbands nicht bemerkt, das die Bibliothekarin trug. Lemorel war erst an diesem Nachmittag in den Orangedrachenrang befördert worden. Diese Beförderung hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erfolgen können, denn es war gerade ein Regionalinspektor in der Stadt. Libris rekrutierte Bibliothekare von außerhalb Rochesters ab dem Rang eines Rotdrachens. Lemorel standen noch mindestens zwei Jahre bevor, bis sie zu dieser Prüfung zugelassen werden konnte, doch seit Zarvora das Amt der Hoheliber übernommen hatte, ließen sich Beförderungen beschleunigen.

Rutherglen war seit Anbeginn der geschichtlichen Aufzeichnungen das Herzland des Weinbaus, und der Lebensrhythmus dort war eng verbunden mit den Kreisläufen rund um die Traubenlese. Nun war Spätwinter, die Zeit, in der man Ausbesserungen vornahm und Fässer baute, im freien Waldland des Südens wilde Emus jagte und an den Abenden am Feuer bei alten Jahrgängen lange philosophische Gespräche führte. Bunte Fähnchen, Girlanden und Tannengrün schmückten anläßlich des Weinfestes die Türen der meisten Wohnhäuser und Geschäfte. Außer Sicht probte irgendwo auf einem Dach eine Musikkapelle. Lemorel bemerkte, daß das Kornetton leicht verstimmt war und die beiden Schneckenhornbläser offenbar schon allzu tief ins Glas geschaut hatten. Kochstellenrauch, der nach Schmorgerichten und Backwaren duftete, hing über den Straßen und mischte sich mit dem Nebel. Überladene Dreiräder knarrten und rumpelten auf ungefederten Holzreifen die Rufseite der Straße entlang. Es hatte seit über drei Wochen keinen Ruf mehr gegeben, erinnerte sich Lemorel, als ihr Rufzeitschalter mit einem Klappern warnte, daß sein Uhrwerk in einer Minute abgelaufen sein würde. Mit einem Griff an ihre Taille stellte sie den Rücksetzknopf auf eine halbe Stunde und zog die Uhrfeder wieder auf. Ein Ruf stand bald bevor, und sie hoffte, daß er nicht ausgerechnet während ihres Vorstellungsgesprächs kam.

Die Hausfassaden an der Nordseite der Straße waren tür- und fensterlose Mauern aus Altstein, Teerziegeln und roten Schindeln. Jede Straße hier hatte eine solche kahle Seite. Wenn ein Ruf kam, gingen diejenigen, die sich gerade in den Häusern aufhielten, zu der undurchbrochenen Mauer hinten im Haus und taperten dort ohne Sinn und Verstand, aber immerhin in Sicherheit auf und ab. Kein Fenster und keine Tür wies in die Richtung des Rufs. Genau wie die Leute hier, dachte Lemorel: Auf der einen Seite freundlich und offenherzig und auf der anderen verständnislos und abweisend. Wer sie auf Anhieb erkannte, wandte schnell den Blick ab. Lemorel phantasierte, sie selbst sei der Ursprung des Rufs, eine niedere Gottheit, gegen die sich die Menschen zu schützen versuchten, indem sie ihr die kahle Seite, die kalte Schulter zeigten. Das war zwar ein altes, längst fade gewordenes Gedankenspiel, aber ihre einzige Wehr gegen die Bürger der Stadt, die ihr aus dem Weg gingen.

In der Ferne erblickte sie das Wanderers Rast, ein Wirtshaus für bessergestellte Reisende. Dort wurde sie vom Regionalinspektor erwartet.

Um vier Uhr hatte sie einen Termin bei ihm. Der große Zeiger der Uhr auf dem Staatspalast war schon bei der Ziffer angelangt, aber das Glokkenspiel hatte noch nicht begonnen. Lemorel verlangsamte ihre Schritte.

Ob es nun um Prüfungen, Termine oder Duelle ging: Entscheidend war immer das richtige Timing.

Für Lemorel war dies eine Chance, in Würde zu entfliehen. Als Bibliothekarin, die im Ruf stand, eine gute Schützin zu sein, konnte sie vielleicht nach Libris gelangen, ohne sich auf die langen Irrwege des Protokolls einlassen zu müssen. Die neue Hoheliber war ebenso erfrischend jung wie ihr Amtsvorgänger lähmend alt gewesen war. Jahrhundertealte Traditionen wurden über Bord geworfen, und den Jungen und Fähigen bot sich eine Chance.

Lemorel arbeitete in der Bibliothek der Technischen Hochschule Rutherglen, die wie alle Bibliotheken der Südostallianz Libris angeschlossen war. Als Lemorel in den Weißdrachenrang befördert worden war, den niedrigsten Rang für Bibliothekare, war der Hoheliber von Libris seit einundvierzig Jahren im Amt und einhundertsechs Jahre alt. Er starb noch im selben Jahr, und Zarvora Cybeline wurde seine Nachfolgerin.

Zarvora war dynamisch und ehrgeizig, hatte an der Hochschule von Rochester einen Abschluß in Angewandter Algebra gemacht ... und war gerade einmal sechsundzwanzig. Am Tag nach ihrem Amtsantritt hatte sie den Kämpen des stellvertretenden Hohelibers in einem Duell getötet und binnen Monatsfrist drei Viertel der alten Führungsebene in die Verbannung geschickt. Lemorels Aushilfsjob in einem öden, bürokratischen Beruf hatte sich mit einem Mal in eine fabelhafte Aufstiegschance verwandelt.

Lemorel sah zum Glockenturm hinauf und zitterte in der stillen, kalten Luft. Der Zeiger stand nun direkt über der Vier. Mittlerweile mußte der Bolzen am Stunden-Zahnrad gegen den Auslösehebel der Glockenspieltrommel drücken. An einem Flaschenzug angebrachte Gewichte würden die Trommel bald drehen, und die Stifte auf ihrer Oberfläche würden eine weitere Hebelmechanik in Gang setzen und mit Sprungfedern versehene Hämmer dazu bringen, auf Messingglocken eine Melodie zu spielen. Lemorels Vater hatte den ganzen Mechanismus jahrelang gewartet, und einige ihrer frühsten Erinnerungen galten dem Inneren dieser Turmuhr. Mittlerweile war es ihrem Vater verboten, dort zu arbeiten, und allmählich ließ die Genauigkeit des Uhrwerks nach. In der Ferne ertönte ein gedämpftes Klappern, und dann begann das Glockenspiel. Das Herz schlug Lemorel bis zum Hals, als sie den Schankraum des Wirtshauses betrat und einen beleibten Mann erblickte, der ein legeres, kastanienbraunes Gewand und das silberne Dienstabzeichen der Aufsichtsbehörde trug. Er zwirbelte sich die gewichste Kinnbartspitze und runzelte die Stirn. Beim letzten Glockenschlag durchmaß sie den Raum.

Vellum Drusas hatte eine Reihe von Weinanbauorten, die er nach Möglichkeit jeden Winter besuchte. Das war eine angenehme Jahreszeit, denn die Einheimischen hatten Zeit und freuten sich über Besuch von außerhalb. Seine Reisen waren natürlich zuallererst durch einen dienstlichen Anlaß gerechtfertigt, und obzwar Drusas geistig vielleicht etwas träge war, war er doch nicht so dumm, seine Reiseerlaubnis in irgendeiner Hinsicht zu mißbrauchen. Wenn er auch nur ein klein wenig arbeitete, um seine Reise in seine Lieblingsweinanbauorte zu rechtfertigen, so arbeitete er doch immerhin.

Der Schankraum war voller Winzer und Kunsthandwerker von außerhalb, die sich zum winterlichen Weinfest hier eingefunden hatten. Das war auch der Anlaß für Drusas’ Aufenthalt in der Stadt. Der Qualm der Sonnenblumenöllampen und der zahlreichen Pfeifen hing in der warmen Luft, und es wurde laut und schrill durcheinander geredet. Das lag weniger daran, daß die Sprecher betrunken gewesen wären, sondern vielmehr daran, daß sie es gewöhnt waren, einander auf dem freien Feld etwas zuzubrüllen. Die Bauern wanden und kratzten sich, waren es nicht gewöhnt, gestärkte Hemden und enge Hosen aus aufgerauhter Baumwolle zu tragen. Manche beäugten argwöhnisch die Kolbenuhr, die hier statt Sonne, Mond und Sternen den Lauf der Zeit markierte. Drusas sah ebenfalls auf die Uhr und schüttelte den Kopf. Wenn sich die Bibliothekarin verspätete, würde ihm keine Zeit mehr bleiben, sich unter die Weinbauern zu mischen und ihnen eine Einladung für den Weinverkostungswettbewerb an diesem Abend abzuschwatzen. »Auf 1681!« rief jemand, und die meisten im Schankraum hoben die Kelchgläser. Ja, das war tatsächlich ein ausgezeichneter Jahrgang gewesen; Drusas hatte selbst noch neun Flaschen des berühmten ’81er Barioch Shiraleng im Keller – die zehnte hatte er an dem Tag geköpft, an dem er stellvertretender Oberliber geworden war. Der Wert der Flaschen war seit dem Kauf um das Fünfzehnfache gestiegen.

Draußen begann das Glockenspiel, und als die Uhr die vierte Stunde schlug, stand mit einem Mal eine junge Frau vor Drusas. Er sah große, dunkle, ernst blickende Augen in einem hübschen, runden Gesicht, umrahmt von geflochtenem und hochgestecktem schwarzem Haar. Ihre Hemdbluse war in dem vom örtlichen Oberliber vorgeschriebenen hellen Veilchenblau gehalten, und ihr Regencape aus Ölzeug war offenbar schon lange in Gebrauch. Sie verbeugte sich mit einer flinken, vogelartigen Bewegung und händigte ihre Papiere aus. Drusas nahm sie entgegen, bemerkte, daß die junge Frau außer Haarspangen keinen Schmuck trug und daß ihr Waffengurt strikt funktionellen Charakter hatte. Eine typische ehrgeizige Jungbibliothekarin, schloß er.

»Frelle Milderellen?« fragte er.

»Ja, Fras Inspektor.«

»Ihr kennt mich vom Sehen?«

»Ihr habt mir letztes Jahr bei einer Zeremonie in Wangaratta den Gelbdrachenrang verliehen.«

»Ach ja, da gab es viele Verleihungen und nur einen Verleiher. Aber vielleicht war ich ja schlicht und einfach unvergeßlich, hm?« Er zwinkerte ihr zu und schenkte ihr einen leicht lüsternen Seitenblick. Lemorel reagierte nicht darauf, errötete nicht einmal. Drusas senkte den Blick schnell auf ihre Papiere. Ein Diplom der örtlichen Technischen Hochschule, ein Waffenschein ...

»Orangedrache«, sagte er und wies damit eifrig auf einen offenkundigen Fehler hin, um zu zeigen, daß er auf dem Quivive war. »In Eurem Gesuch von heute morgen stand, daß Ihr Gelbdrache seid.«

»Ich wurde heute befördert, Fras Inspektor.«

»Ganz ohne Zeremonie?«

»Ja, Fras Inspektor. Ich habe mich gegen den Willen meines Oberlibers für die Einstufungsprüfung gemeldet. Weil ich die Prüfung bestanden habe, stand mir eine Beförderung zu, aber –«

»Aber weil Ihr auf eigenes Ersuchen hin befördert wurdet, habt Ihr automatisch auf eine Gehaltserhöhung und eine Verleihungszeremonie verzichtet. Apropos: Glückwunsch!« Er lehnte sich zurück und trank aus einem blauen Kristall-Kelchglas einen Schluck Frostwein. Dann las er weiter, und als er bei ihrem polizeilichen Führungszeugnis angelangt war, wurde ihm ausgesprochen mulmig zumute. Dort stand, daß sie ein Kampfordal überlebt hatte. Man hatte ihn gewarnt, in Rutherglen gebe es einen Sonderfall, und das hier mußte er sein. Lemorel sah, daß ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Sie atmete tief durch und faltete die zitternden Hände hinter dem Rücken.

[...]




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Buchdaten

Aus dem Englischen von Jochen Schwarzer, (Orig.: Souls in the Great Machine, TOR, New York 1999), Klappenbroschur, eine Karte , Blättern im Buch

Auflage: 1. Aufl. 2006
Seiten: 633
ISBN: 978-3-608-93779-4
EUR [D]: 19,90*
(Preise inkl. gesetzl. MwSt.)