>> Buchbeschreibung

Autoreninfos zu:
Robin Hobb

Robin Hobb

Die Stunde des Abtrünnigen. Nevare 3

Leseprobe

1. Nicht länger Soldat

Vor dem Kriegsgericht ergriff ich nicht ein einziges Mal Partei für mich.

Ich stand in der Anklagebank, in die sie mich geschleift hatten, und versuchte, nicht auf die mörderischen Schmerzen zu achten, die von den Fußeisen herrührten, welche sie mir um die Waden gelegt hatten. Sie waren viel zu klein für einen Mann von meiner Körperfülle, und das kalte Eisen schnitt mir tief ins Fleisch. Meine Waden brannten wie Feuer und fühlten sich zugleich völlig taub an. In dem Augenblick machten mir die Schmerzen mehr aus als der Ausgang der Verhandlung, den ich ohnehin schon kannte.

Es sind vor allem diese furchtbaren Schmerzen, an die ich mich entsinne, wenn ich an die Verhandlung zurückdenke. Sie liegen wie ein roter Schleier über meiner Erinnerung. Eine ganze Anzahl von Zeugen sagte gegen mich aus. Ihre redlichen Stimmen, mit denen sie vor dem versammelten Publikum den Richtern ausführlich meine Missetaten schilderten, klingen mir noch jetzt in den Ohren. Vergewaltigung. Mord. Leichenschändung. Entweihung eines Friedhofs. Meine Entrüstung und mein Entsetzen darüber, dass man mich solch schrecklicher Schandtaten bezichtigte, waren vor der schieren Hoffnungslosigkeit meiner Lage in den Hintergrund getreten. Zeuge um Zeuge sagte gegen mich aus. Fetzen von Gerüchten, vom Hörensagen aufgeschnapptes Gerede von den Lippen eines Toten, Verdächtigungen und zweifelhafte Indizien wurden zu einem Strick gedreht, der kräftig genug war, um mich damit zu hängen.

Ich glaube jetzt zu wissen, warum Spink dar auf verzichtete, mir direkte Fragen zu stellen. Leutnant Spinrek, mein Freund aus gemeinsa men Zeiten an der Kavallaakademie, war zu meinem Verteidiger bestellt worden. Ich hatte ihm gesagt, ich wolle mich einfach schuldig bekennen und es hinter mich bringen. Das hatte ihn wütend gemacht. Vielleicht war das der Grund, warum er mich nicht aufforderte, für mich selbst auszusagen. Er misstraute mir. Er befürchtete, dass ich nicht die Wahr heit sagen und alle Vorwürfe bestreiten, sondern mich selbst noch belasten würde. Dass ich den leichtesten Ausweg wählen würde.

Seine Bedenken waren gerechtfertigt.

Ich fürchtete mich nicht vor dem Galgen. Es wäre das schnelle Ende eines Lebens gewesen, das von einer fremdartigen Magie vergiftet war. Die Treppe hin aufsteigen, den Kopf in die Schlinge legen und den letzten, entscheidenden Schritt ins Dunkel tun, und schon wäre es vollbracht gewesen. Wahrscheinlich hätte mir das Gewicht meines fallenden Körpers den Kopf abgerissen. Ein qualvolles Ersticken wäre mir erspart geblieben. Das schnelle Ende einer Existenz, die zu verstrickt und zu verschandelt war, als dass eine Wende zum Guten noch möglich gewesen wäre.

Was auch immer ich zu meinen Gunsten hätte vorbringen können, am Ausgang des Verfahrens hätte es ohnehin nichts geändert. Furchtbare Dinge waren geschehen, hässliche, üble Dinge, und die Bürger von Gettys waren fest entschlossen, irgendjemanden dafür büßen zu lassen. Gettys war ein raues Pflaster, halb militärischer Außenposten, halb Strafkolonie an der äußersten Ostgrenze des Königreichs Gernien. Weder Vergewaltigung noch Mord waren seinen Bewohnern fremd. Die Verbrechen aber, die mir angelastet wurden, gingen weit über das gewohnte Spektrum von Begierde, Leidenschaft und Gewalt hin aus – in Sphären von Düsternis, die selbst für Gettys nicht mehr zu ertragen waren. Irgendjemand musste die schwarze Kutte des Schurken tragen und den Zoll für diese Untaten bezahlen, und wer eignete sich da besser als dieser abgeschieden lebende Dickwanst, der auf dem Friedhof hauste und angeblich mit den Fleck verkehrte?

Und so wurde ich denn verurteilt. Die Kavallaoffiziere, die über mich zu richten hatten, verurteilten mich zum Tod durch den Strang, und ich nahm ihr Urteil hin. Ich hatte Schande über mein Regiment gebracht. Zu jenem Zeitpunkt erschien mir meine Hinrichtung als der einfachste Ausweg aus einem Leben, das zum Gegenstück aller Träume geworden war, die ich je gehabt hatte. Ich würde sterben – und mit mir meine Enttäuschung und mein Scheitern. Als ich mein Urteil vernahm, fühlte ich beinahe Erleichterung.

Aber die Magie, die mein Leben vergiftet hatte, wollte mich nicht so leicht aus ihren Klauen entlassen.

Mich einfach nur zu töten reichte meinen Anklägern nicht. In ihrer glühenden Rachsucht wollten sie meine Schandtaten so grausam bestraft wissen, wie es nur vorstellbar war. Düsternis sollte mit Düsternis vergolten werden. Als der zweite Teil meines Urteils verkündet wurde, erstarrte ich vor Schreck. Bevor ich auf den Richtblock steigen würde, um jenen letzten Schritt ins Nichts zu tun, würde ich tausend Peitschenhiebe verabreicht bekommen.

Jenen entsetzlichen Augenblick werde ich für immer in Erinnerung behalten. Das Urteil ging über meine Exekution, über meine Bestrafung hin aus. Ich sollte nicht einfach nur zu Tode befördert werden, ich sollte vollkommen vernichtet werden. Zusammen mit meiner Haut, die eine Peitschenschnur mir in Fetzen vom Leibe reißen würde, wollten sie mir auch alle Würde her ausreißen. Kein Mensch, und war er noch so tapfer, konnte tausend Peitschenhiebe überstehen, ohne einen Laut von sich zu geben. Sie würden mich verhöhnen und verspotten, während ich vor Schmerzen schrie und sie anflehte, dass sie aufhörten. Voller Hass, Hass auf sie und auf mich, würde ich in den Tod gehen.

Ich war zum Soldaten geboren. Als zweiter Sohn eines Edelmannes war ich vom gütigen Gott dazu bestimmt worden, Soldat zu werden. Trotz all dem, was mir widerfahren war, trotz der fremden Magie, die mich infiziert und vergiftet hatte, trotz meiner Entlassung aus der Kavallaakademie des Königs, trotz der erlittenen Enterbung und Verstoßung durch meinen Vater und der höhnischen Verachtung seitens meiner Zeitgenossen hatte ich alles in meinen Kräften Stehende getan, um meinem König als Soldat zu dienen. Und eingebracht hatte es mir das hier. Ich würde schreien und weinen und um Gnade winseln – vor Menschen, die in mir nichts als ein Ungeheuer sahen. Die Peitsche würde mir die Kleider und die Haut in Fetzen vom Leib reißen und die wabbeligen Fleischmassen bloßlegen, die ihr erster Vorwand gewesen waren, mich zu hassen. Ich würde ohnmächtig werden, und sie würden mir Essig auf den Rücken spritzen, um mich wieder ins Bewusstsein zurückzuholen, damit sie mich weiter quälen konnten. Ich würde mich vollpissen und hilflos in meinen Handfesseln hängen. Ich würde tot sein, lange bevor sie meine sterblichen Überreste aufhängen würden. Sie wussten das, und ich wusste es auch.

Selbst mein verderbtes und verkrüppeltes Leben schien mir da noch eine bessere Wahl zu sein als solch ein Tod. Die Magie hatte versucht, mich meinem eigenen Volk wegzunehmen und mich als Werkzeug gegen die Gernier zu benutzen. Ich hatte dagegen angekämpft. Aber in jener letzten Nacht in meinem Verlies wusste ich, dass die Magie des Fleckvolkes meine einzige Möglichkeit war, mich zu retten. Als die Magie die Wände meines Verlieses niederriss, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf und flüchtete.

Doch weder die Magie noch die braven Bürger von Gettys waren mit mir fertig. Ich glaube, die Magie wusste, dass meine Unterwerfung unter sie lediglich ein Lippenbekenntnis gewesen war. Aber sie verlangte alles von mir, mein ganzes Leben. Sie wollte, dass keine Bande zwischen mir und dieser Stadt und diesem Volk zurückblieben, und was ich ihr nie freiwillig gegeben hätte, das holte sie sich jetzt von mir.

Auf meiner Flucht aus der Festung lief ich einem Trupp zurückkehrender Kavallasoldaten in die Arme. Ich wusste, es war kein unglücklicher Zufall, dass der Anführer des Trupps ausgerechnet Hauptmann Thayer war. Die Magie war es, die mich in die Hände jenes Mannes fallen ließ, dessen tote Frau ich offenbar geschändet hatte. Das Ende war vorhersehbar. Die müde, enttäuschte Truppe, die er anführte, entartete rasch zu einem zügellosen Mob. Sie töteten mich auf offener Straße. Seine Soldaten hielten mich fest, und er prügelte mich tot. In den dunklen Stunden vor dem Morgengrauen wurde dort, auf jener staubigen Straße, der Gerechtigkeit und der Rachsucht Genüge getan. Als ihr Rachedurst gestillt war, zerstreuten sich die Männer und ritten nach Hause. Sie sprachen nicht miteinander über das, was sie getan hatten.

Und als der Morgen über Gettys graute, ritt ein toter Mann aus der Stadt.

2. Flucht

Die kräftigen Hufe meines stämmigen Pferdes trommelten in schwer fälligem, stetem Rhythmus. Als wir die letzten Bauernhöfe an den sich zerfransenden Rändern der Stadt hinter uns ließen, die die Festung des Königs in Gettys umgab, warf ich einen Blick über die Schulter. Die Stadt lag still und stumm da. Die Flammen des brennenden Gefängnisses waren nur mehr kleine Zungen, wenngleich immer noch dunkler Rauch, den langsam grau werdenden Himmel verschmutzte. Die Männer, die die ganze Nacht lang das von Epiny gelegte Feuer bekämpft hatten, würden jetzt nach Hause stapfen, in ihre Betten. Ich heftete den Blick wieder auf die vor mir liegende Straße und ritt grimmig weiter. Gettys war niemals mein Zuhause gewesen, aber es fiel mir trotzdem schwer, es hinter mir zu lassen.

Vor mir schimmerte das erste Licht des anbrechenden Tages hinter den Berggipfeln hervor. Bald würde die Sonne aufgehen. Ich musste den Schutz des Waldes erreichen, bevor das Leben in der Stadt sich zu regen begann. Heute würden einige sehr früh aus den Federn steigen, um sich einen guten Platz zu sichern, von dem aus sie meiner Auspeitschung und meiner Hinrichtung zusehen konnten. Mein Mund verzog sich zu einem leichten Grinsen, als ich mir ihre enttäuschten Gesichter vorstellte, wenn sie von meinem Tod erfuhren.

Die Straße des Königs, jenes ehrgeizige Unternehmen König Trovens von Gernien, erstreckte sich vor mir, staubig, zerfurcht, von Schlaglöchern übersät, aber gerade wie ein Pfeil. Ich folgte ihr. Sie führte nach Osten, immer weiter nach Osten. In der ruhmsüchtigen Vision des Königs führte sie über das Barrierengebirge hinweg und erreichte schließlich das ferne Meer. In den Träumen meines Königs würde die Straße eine Lebensader für das im Westen vom Meer abgeschnittene Gernien darstellen. In der Wirklichkeit aber endete die Straße schon ein paar Meilen hinter Gettys. Die Bauarbeiten waren am Rande des Tales stecken geblieben, in dem die Ahnenbäume der Fleck standen. Seit Jahren setzten die Ureinwohner der Region ihre Magie dazu ein, Angst und Trostlosigkeit unter den Straßenbauarbeitern zu säen und so den Weiterbau der Straße zu verhindern. Der Bann, den die Fleck über die Baustelle gelegt hatten, äußerte sich mal als panisches Entsetzen, das die Männer in winselnde Angsthasen verwandelte, und dann wieder als eine tiefe, lähmende Verzweiflung, die ihnen jede Energie raubte, jeden Arbeits-eifer. Hinter dem Ende der Straße erwartete mich der Wald. [...]




* Preise und Ausstattung freibleibend. Die Preise enthalten die Mehrwertsteuer.
Europreise gelten nur für Deutschland; in Österreich ca 3% höher aufgrund abweichender Mehrwertsteuer. Preise in sFr.: unverbindliche Preisempfehlung

Buchdaten

Aus dem Amerikanischen von Joachim Pente (Orig.: Renegade’s Magic), gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Blättern im Buch

Auflage: 1. Aufl. 2009
Seiten: 768
ISBN: 978-3-608-93814-2
EUR [D]: 24,90*
(Preise inkl. gesetzl. MwSt.)

Mehr Info und bestellen bei
>> Klett-Cotta Fantasy

Ähnliche Titel

für Sie auch interessant?

Robin Hobb
Die Schamanenbrücke. Nevare 1
»Hobb ist eine der Großen der modernen Fantasy« Times of London

Robin Hobb
Im Bann der Magie. Nevare 2
Robin Hobb – die ungekrönte Königin der Fantasy

Tad Williams
Shadowmarch. Band 2. Das Spiel
Band 2 der neuen Trilogie von Tad Williams

R. Scott Bakker
Der Tausendfältige Gedanke. Der Krieg der Propheten 3
Der dritte und abschließende Band der Trilogie